Tod, Modernität und Gesellschaft: Entwurf einer Theorie der Todesverdrängung (German Edition)
معرفی کتاب «Tod, Modernität und Gesellschaft: Entwurf einer Theorie der Todesverdrängung (German Edition)» نوشتهٔ Armin Nassehi, Georg Weber (auth.)، منتشرشده توسط نشر VS Verlag für Sozialwissenschaften; Springer در سال 1989. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.
Mors certa, hora incerta." In diesem Satz zeigt sieh die dialektische Spannung des Menschen: Einerseits weiB er sieher, daB er sterblich ist. Andererseits kennt er tiber das bloBe Faktum hinaus weder den Zeitpunkt seines Todes noch das, was ihn in dieser Stunde erwartet. Beides ist das fUr den Menschen schlechthin UnwiBbare. Wir miissen also dem obigen Satz ein ,,modus incertus" hinzufiigen.Der Tod ist aufgrund seiner Nicht-Gegenstandlichkeit und seiner die Gesamtheit der sozialen wie der individuellen Existenz eines Menschen oder ganzer sozialer Gruppen bedrohenden Charakter immer als Mysterium, als Geheimnis oderzumindest mit beginnender wissenschaftlicher Vergegenstandlichung der Weltals nicht eindeutig bestimmbares Faktum in einem ansonsten dem analytischen Geist vermeintlich kaum Grenzen setzenden Kosmos von Seiendem erlebt worden. Diese prinzipielle Unbestimmbarkeit des Todes ist es, die mythologische, religiose und schlieBlich philosophische und wissenschaftliche Sinndeutungen des Todes inspiriert hat! und der sich auch die gegenwartige Soziologie zu stellen hat. All diese Sinndeutungen sind Versuche, das positiv relativ Unbestimmbare symbolisch sinnhaft zu deuten, urn mit der universalen Bedrohung umgehen zu konnen, das Ende des Lebens sinnhaft in den LebensprozeB selbst zu integrieren. Wir konnen sogar behaupten, daB die Sinndeutung des Todes, welche Form sie auch in der mannigfaltigen kulturellen und historischen Variabilitat angesichts der strukturellen Offenheit und Plastizitat des Menschen erfahren hat, die grundlegende Aufgabe des Menschen ist. Sie ist gleichsam die Bedingung der Moglichkeit, daB eine Alltagspragmatik mit und jenseits der Bedrohung sich zu entfalten vermag.Aus der Sieht der Soziologie offenbart sich im Tode in sonst nicht zu beobachtender ScMrfe die ,,Nahtstelle, an der sieh Individuum und Gesellschaft unausweichlich begegnen" (v. Ferber 1963: 338). Die Feststellung dieser Tatsache allerdings setzt schon eine anthropologisch tiefer liegende Basis voraus, namlich das in der conditio humana schon angelegte Wissen des Menschen urn seinen Tod. Wir konnen sagen: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiB, daB es sterben wird (vgl. Landsberg 1973: 8; v. Weizsacker 1980: 115), und das sieh deshalb zu seinem Tod verhalten muB. Dies ist eine transhistorische, transsoziale, allgemeine Charakterisierung des Humanums. Sie wird dadurch bestatigt, daB jede uns be-So sieht Schopenhauer im Tode den "eigentlichen inspirierenden Genius oder Musaget der Philosophie". Zit. nach Choron 1967: 168. Tod nicht mehr jemeinige Moglichkeit des Daseins, nicht "ich" sterbe, sondem "man" stirbt. "Das Sterben, das wesenhaft illlvertretbar das meine ist, wird in ein Offentlich vorkommendes Ereignis verkehrt, das dem Man begegnet" (ebd.: § 51, 253). Der Tod kommt nur als Todesfall vor. Das Man "gibt ihn aus als irnmer schon ,Wirkliches' illld verhUllt den Moglichkeitscharakter illld in eins darnit die zugehOrigen Momente der Unbeziiglichkeit und Uniiberholbarkeit" (ebd.). Die stfuldige Beruhigung liber den Tod verhlillt die Moglichkeit eines eigentIichen Seins zum Tode, d.h. verhindert eine aktive, gewollte und freie Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. In der UneigentIichkeit der Ausgelegtheit durch das Man verliert das Dasein keineswegs seinen Charakter als Sein zum Tode. Es liegt hier lediglich ein "defizienter Modus" eines moglichen eigentIichen Verhaltens dem Tode gegenliber vor. Wir konnen zusammenJassen: Das Dasein erlangt im alltaglichen, uneigentlichen Sein zum Tode eine GewiBheit des Todes als vorkommendes Ereignis in der Welt. Die empirische, unleugbare Erfahrungstatsache, daB "man stirbt", kann die eigene Person nicht ausschlieBen. Doch soweit liiBt es das Man gar nicht kommen, denn das alltagliche Verhalten des Daseins solI yom Tode ablenken. "Die verfallende Alltaglichkeit des Daseins kennt die GewiBheit des Todes illld weicht dem GewiBsein doch aus" (ebd.: § 52, 258).HEIDEGGERS Analyse der Alltaglichkeit, in der sich sein ganzer Kulturpessimismus ausdriickt, geht so weit, daB er konstatiert: "Uneigentlichkeit kennzeichnet eine Seinsart, in die das Dasein sich verlegen kann illld zumeist auch irnmer verlegt hat" (ebd.: § 52, 259).Diese Verlegung in UneigentIichkeit muB aber nicht endiiltig sein. Die positive Wendung der HEIDEGGERSchen Philosophie liegt in der Moglichkeit des Daseins, sich seine Eigentlichkeit zu walllen und die durchschnittliche Alltaglichkeit zu uberwinden. Sein ,,Existentialer Entwurf eines eigentIichen Seins zum Tode" ( § 53) solI diese Moglichkeit eines eigentIichen Umgangs mit dem Tode im "Vorlaufen in den Tod" aufzeigen. Das eigentIiche Sein zum Tode hat deshalb Entwurfcharakter. Da sich der Mensch vorwiegend in UneigentIichkeit vorfindet, muB er diese Moglichkeit eigens ergreifen. d) Eigentliches Sein zum Tode Es ist das wesentIichste Merkmal des eigentIichen Seins zum Tode, daB es vor der Moglichkeit des Todes nicht ausweichen kann."Das Sein zur Moglichkeit als Sein zum Tode solI zu ihrn sich so verhalten, daB es sich in diesem Sein und fiir es als Moglichkeit enthiillt. Solches Sein zur Moglichkeit fassen wir terminologisch als Vorlaufen in die Moglichkeit" (Heidegger 1979: § 53, 262).Die Befreiung von der alltaglichen Auslegung des Todes hebt die Entfremdung des Daseins (vgl. ebd.: § 51, 254) von seinem eigensten Sein-konnen im Vorlaufen in Hier lokalisiert Habermas -wie wir meinen mit gutem Grund -Heideggers "Offenheit" und ,,Hingabe" an den "Fillrrerwillen" und den Nationalsozialismus.Zu einer sozialwissenschaftlichen Rekonstruktion des Begriffs der ,,Eigentlichkeit" vgl. S. 333 und S. 341.Das Wort "Sterben" laBt sich etymologisch aus " Starr-Werden" ableiten (vgl. Kluge 1975: 746).2 Der Begriff "existentielle Auseinandersetzung" wird hier lediglich dazu verwandt, die Abgrenzung yom • .kognitiven Wissen" zu verdeutlichen.Auf Hubners kurzen AbriB der Geschichte der Mythosdeutllllg sei hier noch besonders hingewiesen (vgl. Hubner 1985: 4;8-94).2 Ausfilhrlicher zum Problem einer soziologischen Bestimmung von Religion vgl. S. 402ff. Ziel, Methode, Stellenwert und Duktus unserer Abhandlung explizieren wir in der Einleitung. Markieren werden wir dort den "roten Faden" und den Horizont, aus dem wir gewahlt haben. Wer aber wahlt, sieht sich mit Legitimationsproblemen konfrontiert. Humane Selbstzweifel konnen da nicht ausbleiben. Dies gilt verstarkt bei unserer Thematik: Zum einen bleibt uns Sterblichen die Selbstverstandlichkeit des Todes fremd und unbegreiflich, und zum anderen sind wir tiber der vorliegen den Arbeit dem eigenen Ende urn mehr als drei Jahre naher geriickt; unser Freun deskreis unter den Toten hat sich vergroBert und der unter den Lebenden verklei nert. Insofem konnte gerade dieses Thema nicht nur den "Wissenschaftler in uns" in produktiver Unruhe halten, sondem muBte auch existentiell mit dem Humanum interferieren. Bei der gemeinsamen Arbeit wollten wir diese Rtickkoppelung nicht missen. Selbst wenn auch das Wissenschaftssystem gemaB funktional-struktureller Theorie nicht aus Menschen besteht, konnen Menschen sich darin begegnen. Dies haben die Autoren, von denen der eine doppelt so alt ist wie der andere, als be trachtlichen Gewinn erfahren. Gemeinsam hat uns die wissenschaftliche Auseinan dersetzung mit dem Todesthema in Tiefen und Untiefen erkenntnistheoretischer, gesellschaftstheoretischer, anthropologischer, soziologischer, philosophischer und theologischer Theoriebildung gefiihrt. Quasi als Grenzganger beabsichtigen wir, einen fundamentalen Aspekt menschlicher und gesellschaftlicher Realitat in den gegenwartigen kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskurs zu integrieren. Wis senschaftlichen Grenzgangem, die trotz beschrankter Akkreditierung Interdiszipli naritat anstreben, drohen bekanntlich erhOhte Gefahren Front Matter....Pages 1-9 Einleitung....Pages 11-17 Erkenntnistheorie des Todesbewußtseins....Pages 19-52 Zur Geistesgeschichte des Todes....Pages 53-155 Die Thanatopraxis der Moderne....Pages 157-276 Die Genese moderner Todesverdrängung....Pages 277-325 Überwindungsversuche — Zur Rekonstruktion des Memento mori....Pages 327-432 Back Matter....Pages 433-484 Nach einer erkenntnistheoretischen und geistesgeschichtlichen Hinführung zum Thema bekommt die Formulierung einer sozialwissenschaftlich fundierten Theorie der Todesverdrängung, die die üblichen kulturkritischen Folien einer totalisierenden Vernunft- und Modernitätskritik vermeidet, einen zentralen Stellenwert.
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