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Prolegomena Einer Medizinischen Anthropologie: Ausgewählte Aufsätze (German Edition)

معرفی کتاب «Prolegomena Einer Medizinischen Anthropologie: Ausgewählte Aufsätze (German Edition)» نوشتهٔ V. E. Freiherr Von Gebsattel (auth.)، منتشرشده توسط نشر Spektrum Akademischer Verlag. in Springer-Verlag GmbH در سال 1954. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.

Das Eigentümliche dieses dem Leben immanenten Todes aber ist, daß wir nicht auf ihn zugehen, sondern daß er hinter uns hergeht. Er wächst in dem Maße, als unser Leben sich entfaltet. Das Leben ist eigentlich um den Tod herumgebaut und entfaltet sich an dem seinen einzelnen Gestaltungen immanenten Tod, der diese Gestaltungen, wenn sie zum Abschluß gekommen sind, wieder in sich eintrinkt. Der Tod nimmt zu, bis zu dem Zeitpunkt, wo von unserem zu Ende gelebten, vollrealisierten, ganz erfüllten Leben nichts mehr übrigbleibt als dieser ihm immanente Tod. D. h.: der Endpunkt unseres Werdens und der Tod koinzidieren. Im Werden werden wir immer mehr eins mit dem diesem dem Werden immanenten Tod, bis mit der Realisierung aller unserer Anlagepotenzen auch der Tod realisiert ist und wir wirklich sterben. Von diesem dem Leben immanenten Tod verschieden ist der dem Leben transzendente Tod, der wie eine Macht von außen an das Leben heranzutreten scheint, um es von außen zum Abschluß zu bringen. Dieser Tod ist ein gedachter Tod, ein ichgesetzter Tod, das Zerrbild des lebensimmanenten Todes. Er ist ein Kunstprodukt, ebenso wie die gedachte, die objektive Zeit. Es ist durchaus ein Problem, wie wir zur Konzeption dieses objektiven Todes kommen. Nach alter Vorstellung kam dieser Tod mit dem Sündenfall in die Welt, d. h. eine besondere Verfassung des Menschen hat zur Folge, daß der Tod aus seiner Lebensimmanenz heraustritt und zu einer objektiven, unserem Leben äußerlichen Macht wird, die dieses Leben zerbricht. Dieser exogene Tod ist nicht mehr die Erfüllung unseres Lebens, sondern seine Negation, seine Vernichtung und Zerstörung, weswegen er auch Angst, Schrecken, ja Entsetzen auslöst. Unserer Auffassung, die hier nicht entwickelt werden kann, gemäß, ist der objektive, dem Leben transzendente Tod das Phantasiebild, in dem der Mensch ein Stück eigener Totheit und Erstorbenheit innewird. Eine partielle Unlebendigkeit, dynamisch ausgedrückt eine Lebenshemmung, erzeugt dieses Angstbild des Todes. Irgendeine Unfähigkeit, sich restlos auszuwirken, sich ganz und gar auszugeben, sich auszuleben und zu erfüllen, kommt im Bilde dieses toten Todes zu angstvoller Bewußtheit. Wahrscheinlich ist es die mit der Setzung des Ich mitgesetzte Hemmung der vitalen Sphäre, die das Angstbild des Todes erzeugt, weswegen kaum irgendein Mensch von Todesangst ganz frei befunden wird. Zu einer besonderen Störung, ja zu einem Krankheitszeichen wird diese Angst vor dem Tode, wenn die Lebenshemmung biologischer Natur ist, wie in der endogenen Melancholie. Was ist das Erlebnis des sinnlosen Verstreichens und Vergehens der Zeit in unserem Falle anderes, als das ständige Innewerden dieses dem Leben exogenen Todes? Dieser exogene Tod gehört ja dem Bezugssystem der transeunten Zeit an, bezeichnet eine Stelle in diesem Bezugssystem, genau wie der immanente Tod auf die lebensimmanente Zeit zu beziehen ist. Das Vergehen der Zeit ist implizite ein Näherrücken des Todes: ganz folgerichtig wird die Patientin das Unaufhaltsame dieses Näherrückens inne. Jede Veränderung draußen, jede eigene Bewegung, hat ja, ]7Nichtweiterkönnen unter dem Einfluß der endogenen Hemmung hat ja, wie wir wiederholen, einen tieferen Lebenssinn: die Unrealisierbarkeit nämlich des dem Werden immanenten Todes. Im ohnmächtigen Kampf gegen diese Hemmung sucht die Kranke die Herbeiführung des Todes, der ihr Heilung bringt. Unter ihren Händen gleichsam verwandelt sich dieser heilbringende Tod aber in sein ich-gesetztes Gegenbild, in den objektiven Tod, in den Selbstmord. Denn der dem Werden immanente Tod kann nur gelebt, er kann nicht intendiert werden. In der Intendierung wird er zum Ich-Tod, also zu dem, was die Kranke eigentlich nicht will. Sie kommt also innerlich nicht von der Stelle. Das erstrebte Ziel verwandelt sich auf Grund der Hemmung in sein Gegenteil. Und so wird sie gezwungen, immer von neuem eine Bewegung auszuführen, die sich selbst aufhebt. Ganz deutlich erkennt man hier, daß der Zwang in einem ohnmächtigen Kampf der Gehemmten gegen die Hemmung besteht.Wir schließen damit unsere Untersuchung über den zeitbezogenen Registrierzwang in der Melancholie ab. Doch würden diese Ausführungen der Vollständigkeit entbehren, ohne Hinweis auf die allgemeine Geltung der hier erarbeiteten Einsichten. In den Erscheinungen des Kontroll-und Grübelzwangs, des Fragezwangs, des Versteh-und Zählzwangs usw. findet die Strukturanalyse die gleichen Gesetzmäßigkeiten vor wie im Registrierzwang. Überall steht im Mittelpunkt die Hemmung des Werdens und das Angehen der Persönlichkeit gegen diese Hemmung ihrer eigenen Entfaltung. Alle erwähnten Spielarten des Zwangs gestatten, ja fordern eine Analyse des jeweils für sie. konstitutiven Zeiterlebnisses, was die Ausführungen von E. STRAUS erwiesen haben.Unverkennbar z. B. wird unsere Auffassung bestätigt durch den Zählzwang auf manisch-depressiver Grundlage. Deutlich ist zu erkennen, daß der Zählzwang im Dienste steht eines gleichsam blinden Wunsches der gehemmten Persönlichkeit, ihre Unfähigkeit, innerlich von der Stelle zu kommen durch ein Tun äußerlicher Art: durch die Tätigkeit des Zählens -zu überwinden. Zählend nämlich bewegt man sich von Zahlenstelle zu ZahlenstelIe in der objektiven Ordnung der Zahlenreihe vorwärts. Und doch entspricht diesem objektiven Von-der-Stelle-Kommen in der Melancholie keine innere Mitbewegung der Persönlichkeit. Unverändert durch das Weitergehen in der Zahlenreihe bleibt die Persönlichkeit in ihrer Hemmung stecken, und die Beunruhigung dieses Steckenbleibens zwingt zur Wiederholung des zählenden Tuns, ohne daß jemals sein geheimes Ziel -die Überwindung des inneren Stillstands im Werden der Persönlichkeit -erreicht wird. Niemals nämlich vermag mit Mitteln des Geistes, hier also mittels der Akte des Zählens, eine Bewegung in der vitalen Sphäre des Geschehens und Werdens bewirkt werden. Diese Ohnmacht des Geistes, die vitale Hemmung zu überwinden, aber ist es, was das Freiheitserlebnis der Persönlichkeit in das des Zwanges verkehrt. In evidentem Zusammenhang stehen so: Hemmung des Werdens, Angehen gegen diese Hemmung und Zählzwang. v. Gebsattel, Anthropologische Schriften. 2 18 Studien zur speziellen Psychopathologie.Ganz analog verhält es sich mit dem Verstehzwang des Melancholikers. Einzig im Fortgang des Gesprächs lebend, und gerichtet auf sein stets wechselndes Ziel lassen wir, normalerweise, im Sprechen und im Vernehmen Station um Station des sich entwickelnden Gespräches hinter uns zurück. Anders der Melancholiker. Das Nichtweiterkönnen der endogenen gehemmten Persönlichkeit äußert sich als Unfähigkeit, die jeweils aktuelle Gesprächsphase zugunsten der noch bevorstehenden Phasen aufzugeben und hinter sich zu lassen. Also liegt vor eine Störung des gedanklichen Weiterschreitens, eine Vollzugs störung nicht intellektueller, sondern erlebnismäßiger Natur, welche dem Kranken als Gefühl des Nichtverstehenkönnens sich aufdrängt. Im Versuch, die Hemmung in ihrer Gestalt als Nichtverstehenkönnen mit den Mitteln des Aufpassens, Fragens, Zurückdenkens usw. zu überwinden, entsteht der Verstehzwang. Hemmung des inneren Weitergehens, Angehen gegen diese Hemmung und Verstehzwang stehen somit auch untereinander in evidentem Zusammenhang. Dasselbe gilt vom Kontroll-, vom Grübelund Fragezwang.Es wird die Aufgabe weiterer Untersuchungen sein, das Hervorgehen auch der übrigen, deskriptiv festgelegten Melancholiesymptome aus ihrem biologischen Boden, der endogenen Hemmung, genau so in konstruktivgenetischer Analyse zu schildern, wie wir es für das Symptom des Zwanges mit vorliegenden Ausführungen versucht haben.Li tera turverzeichnis. Der vorliegende Band faßt eine Reihe von Vorträgen und Aufsätzen zusammen, die - in vielen Jahren (1913-1953) entstanden - die notwendige Annäherung des phänomenologischen Denkens und der psychopathologi schen Erfahrung an eine Grundlehre von der menschlichen Seinsart in zuneh mender Deutlichkeit veranschaulichen. Die Veräffentlichung einer solchen Zusammenfassung verstreuter Betrach tungen und Überlegungen erscheint einmal gerechtfertigt dadurch, daß sie von vielen Seiten angefordert wird mit der Begründung, es seien die oft zitierten Untersuchungen schwer oder gar nicht zugänglich. Darüber hinaus aber muß gesagt werden, daß, so verschiedenartig die in den folgenden Mit teilungen behandelten Themen auch sein mägen, die einzelnen Ausführungen trotzdem durch ein gemeinsames Anliegen wie durch eine unausgesprochene Ausrichtung in sich geordnet erscheinen. Diese grundsätzliche Ausrichtung aber ist anthropologischer Natur. Es liegt im Wesen so gearteter Untersuchungen, daß das Primum movens ihrer Methode und ihrer Thematik nicht als solches ausdrücklich in voll ent falteter Systematisierung herausgestellt werden kann. Was einen Forscher im Letzten bewegt, wird, solange der eigentliche Sinngehalt dieses Letzten, hier also der gültige und umfassende Seins entwurf des Menschen, sich der präzisen Formulierung noch entzieht, besser in umschreibender und gleich nishafter Veranschaulichung als in direkter Aussage angegangen. Dabei läßt es sich nicht vermeiden, daß in den Aufweis vordergründiger Inhalte, seien diese psychotherapeutischer, psychopathologischer oder daseins analytischer Art, das zentrale Anliegen soweit eingeht, daß es als sein nisus formativus nicht nur die Darstellung, sondern auch die Auffassung der vorgefundenen Inhalte mitgestaltet Front Matter....Pages I-VI Front Matter....Pages VII-VII Zeitbezogenes Zwangsdenken in der Melancholie....Pages 1-18 Zur Frage der Depersonalisation....Pages 18-46 Zur Psychopathologie der Phobien....Pages 47-74 Die Welt des Zwangskranken....Pages 74-128 Die Störungen des Werdens und des Zeiterlebens im Rahmen psychiatrischer Erkrankungen....Pages 128-144 Über Fetischismus....Pages 144-161 Süchtiges Verhalten im Gebiet sexueller Verirrungen....Pages 161-212 Daseinsanalytische und anthropologische Auslegung der sexuellen Perversionen....Pages 212-220 Zur Psychopathologie der Sucht....Pages 220-233 Front Matter....Pages 235-235 Der Einzelne und der Zuschauer....Pages 237-269 Über den personalen Faktor des Heilungsprozesses....Pages 269-279 Was wirkt bei der Psychoanalyse therapeutisch?....Pages 279-290 Über Anwendungsbereich und Sinn der kathartischen Hypnose....Pages 291-299 Ehe und Liebe....Pages 299-314 Geschlechtsleib und Geschlechtstrieb....Pages 314-329 Die Person und die Grenzen des tiefenpsychologischen Verfahrens....Pages 329-347 Krisen in der Psychotherapie....Pages 347-361 Zur Sinnstruktur der ärztlichen Handlung....Pages 361-378 Anthropologie der Angst....Pages 378-389 Aspekte des Todes....Pages 389-412 Back Matter....Pages 413-416
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