Populare Kultur : Gehen – Protestieren – Erzählen – Imaginieren
معرفی کتاب «Populare Kultur : Gehen – Protestieren – Erzählen – Imaginieren» نوشتهٔ Fliege, Thomas ;Göttsch-Elten, Silke (editor);Maase, Kaspar (editor);Winkle, Ralph (editor)، منتشرشده توسط نشر Böhlau Verlag در سال 2010. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.
## Ver-Dichtungen 23 Punk ist eine der gegenwärtigen konkreten Erschei nungs formen der von Plessner analysierten ›Weltfrömmigkeit‹ und des in ihr sich artikulierenden inner weltlichen Erlö sungswun sches. Im Stil und Symbolsystem der Punks (...) ver schafft sich eine, nun wahrhaft postlutheri sche und post-liberal-katholische innerweltliche Religiosität ihren weltanschaulichen Aus druck (ebd., 93). Es spricht nicht gegen diese Interpretation, dass sie überra schend ist, und es spricht für sie, dass sie sich nicht scheut, eine oft als aggressiv, geschmacklos und versoffen abqualifi zierte Subkultur mit den angesehensten abendländischen Kultur traditionen zusammenzubringen. Doch bei aller Sympathie für Soeffners Sympathien sollte man nicht die interpretatori schen Unkosten übersehen, welche die Ernennung der Farbe Schwarz und des damit harmonierenden Merkmals »Entsagung« zu Schlüsselsym bolen der Punkkultur in Kauf nimmt. Schwarz ist wohl kaum die Punkfarbe schlechthin, sondern zumeist Ingrediens einer Farben mixtur, bei der z. B. grüne Strümpfe und gelbe, rote oder lilafarbene Haare eine wichtige Rolle spielen. Dass die Punk kleidung der Mönchskutte ähnele, belegt Soeffner unter anderem damit, dass »einige Punks« eine Kordel trügen (vgl. ebd., 84); ver breiteter ist jedoch wohl die meist mit spitzen Nieten be stück te Gürtel schnalle, zu der oft noch andere Acces soirs aus der Sadomaso-Szene kommen. Diese haben ebenso wenig mit Entsa gung zu tun wie der bei Punks beliebte Pogo, den man zu Recht als »Protest gegen Entsinnlichung und Spiritualisierung von Mu sik« (May 1986, 126) be zeichnet hat. Auch einen anderen exzessiven Ge nuss, den von Alko hol, interpre tiert Soeffner mehr oder weniger aus der Punkszene hinaus, indem er von öffentlichen »Saufinszenie rungen« spricht, bei denen man einer Gesellschaft der heimli chen Säufer den Spiegel vorhalte, ohne sich dabei selbst wirklich zu betrinken (Soeffner 1992, 94). Das mag für bestimmte Situationen zutreffen, geht aber an der bei internen Anlässen wie Punkkon zerten und Parties oft geübten Trinkpraxis vorbei (vgl. Lau 1992, 106). Mit diesen Hinweisen ist nun freilich nicht gemeint, dass die Punkkultur eine negativere Sichtweise verdient habe, sondern lediglich, dass bei der sympathisierenden Interpretation von Soeffner möglicherweise Projektionen eigener Werte und Verhal ten sideale eine Rolle spielen. Man könnte von einem »Heran-und Hinaufinterpretieren« sprechen, einem Vorgehen, das sich ähn lich auch bei anderen kulturwissenschaftlichen Punk-Analysen beobachten lässt. Auffällig und problematisch ist dabei insbe sondere, dass diese Umbewertung einer im herrschen den Diskurs abgewer teten Kultur bei einigen anderen Subkultu ren weit weniger praktiziert wird. Man denke zum Beispiel an die Skinhe ads. Dabei könnten doch z. B. deren Aufmachung, ihre Rekruten-oder Gefange nenglatze, die Schäbig keit, aber Sauberkeit ihrer Kleidung fast noch eher als der schril le Punkstil als Symbol sprache einer »Entsagungselite« verstanden werden; doch kaum jemand käme auf einen solchen Einfall, ja es ist nicht einmal üblich, überhaupt die Kleidung der Skins als Schlüssel zu ihrer Kultur zu nehmen. Das Schlüsselsymbol, das ihnen gewiss nicht ohne Grund, aber doch in falscher Pauschali sierung gerne zugemessen wird, ist das »Klatschen« von Andersfar bigen und Andersdenkenden; und kein Beobachter würde wohl auf die Idee kommen, den dabei oft Ver-Dichtungen 29 Diese Überlegungen zum Kultura lismus betreffen wie schon die zur dialogi schen Feldforschung jede empiri sche Kulturwissen schaft gleichermaßen. Anders die dritte und letzte Erörterung dieses Vortrags, die das bei Soeffners Punkanaly se ange spro che ne Phänomen des »Hinau fin terpretierens« auf greift: Sie gilt volkskundlichen Bemühungen um gesellschaftliche Anerkennung, die sich auf die Art und Weise ihrer Sym bolforschung aus wirken. Die Reputation eines Fachs hängt von mehrerlei ab: Neben dem sozia len Gebrauchswert seiner For schungs ergebnisse geht es dabei z. B. um deren Eingepasstheit in den Kanon der jeweils legitimen Kultur und das heißt auch um die kulturel le Wertig keit seines Gegenstands. Die Volks kunde, die sich mit All tags kultur und häufig mit unterschicht licher Alltags kultur beschäf tigt, hat in dieser Dignitätsfrage zunächst einmal schlechte Karten. An ihrer Wiege steht das Spottwort von der »Andacht zum Unbedeu tenden«, das Sulpiz Boisserée zur Charak terisie rung der »Alt deut schen Wälder« von Jakob und Wilhelm Grimm benutzte, in denen er im Anschluss an August Wilhelm Schlegel »nichti ge(s), klein liche(s) sinnbildeln und wortdeu teln« ausmachte (Boisserée 1862, 72) -es ging also auch hier um Symbolfor schung. Die Sottise wurde bekanntlich fünfzig Jahre später von Wilhelm Scherer im Geist des Positi vismus zum lobenden Epitheton für die Grimmsche For schungs weise umgewer tet (Scherer 1865, 79 f.). Dieser Liebes dienst hat jedoch die Paradoxie im Begriff »Andacht zum Unbedeuten den« nicht in Wohlgefal len auflösen können; er ist trotz Scherer nicht bloß ein »Eh ren kleid«, wie Martin Scharfe kürzlich meinte (Scharfe 1995, 20), son dern nach wie vor auch ein Nessushemd der Volkskunde, das selbst dann noch Schmerzen bereitet, wenn Soziologen und Historiker es nicht mehr als dégoutant ablehnen, sondern als »sehr originell« loben, dass sich verita ble Wissen schaftler Phänomenen wie der Kaffeetasse oder der Glatze hingeben. Die Volkskunde wehrt sich gegen diese Her ablassung, so gut sie kann: Sie spricht statt vom Unbedeu ten den vielsagend vom Unscheinbaren, sie verteidigt ihre Liebe zum Kleinen mit der chaos theoretischen Erkenntnis »Kleine Ursache -große Wirkun g« (ebd., 2), oder sie winkt stolz mit Aby War burgs schon zitiertem Motto vom Gott, der im Detail stecke, wobei es sich bei den von Warburg gemeinten Details freilich großenteils um Kleinodien der Hoch kultur und deren seien es legitime, seien es illegitime Abkömmlinge handelt. In der For schung selbst drücken sich diese Renommee-Anstrengun gen oft in einer Gratwanderung aus, bei welcher der Versuch, zu Unrecht Unter schätztes endlich ins rechte Licht zu rücken, in halsbrecherische Liftungs-Aktionen hinübergleiten kann, in eine volkskundliche Alchemie, die aus dem, was die Elitekultur als Dreck betrachtet, partout Gold zu machen sucht. Das kann sich zum einen in der Überanstrengung ausdrücken, in banalen Details der All tagskultur unbedingt einen Schlüssel zu den angesehen sten Traditionssträngen der legitimen Kultur sehen zu wollen. Diese Kritik gilt nicht nur für die alten Versuche, Partikel der Volks kultur als Trümmerstücke der germanischen Mythologie zu präsentieren; analoge Ver fahrensweisen finden sich in der Gegenwart, zum Beispiel beim Autor dieses Vortrags selbst: Mit welcher Befriedi gung hat er es registriert, als er bei seinen Recherchen zur ostwest deutschen Bananensymbolik darauf stieß, dass die triviale Chiquita früher den Namen »Adamsfeige« trug und als die Paradies frucht galt, als »fructus, in qua Adam pec-Ver-Dichtungen 30 cavit«; das war eine trouvaille, die sofort den Versuch nach sich zog, auch die ostwestdeutsche Bananensym bolik als Symbol einer Verführung zur Sünde und einer anschließenden Bestrafung zu inter pretieren (vgl. Warneken 1992, 25 f.). Eine andere Form volkskundlicher Aufwertungs arbeit sind schlüs selsymbolistische Sprünge vom Alltäglichen und Inferio ren in die großen Themen der Epochen-, wenn nicht gar Gat tungs ge schichte. Zu denken ist hier etwa an die frühen Bemü hungen um eine Adelung des Begriffs »Unterschichten«. So definiert der Volks kundler Albrecht Dieterich in einem zu mindest fachhisto risch wichtigen Aufsatz von 1902 »Unterschicht« als »Mutter boden«. Überliefer te Sitten und Bräuche, alte Gemeinschaftsfor men usw. sind nach Dieterich »eine orga nisch zusammen gehörige Unterschicht alles geschichtlichen Volkslebens, aus deren Mutterboden alle individuelle Gestal tung und persönliche Schöpfung herausgewachsen ist« (Dieterich 1902, 175). Aber auch ein ganz anders orientierter Zweig der Volkskunde, die Arbei terkul turforschung der jüngsten Vergangenheit, hat sich nicht nur be scheiden und mitleids voll zum Arbeiteralltag herabgebeugt: Sie hat ihren Gegenstand, zumindest teilweise, dadurch aufgewertet, dass sie die Arbeiter klasse nicht nur als ausgebeutet und entrechtet, sondern auch als das potentiel le Subjekt einer geglück ten Mensch heitsgeschichte verstand, das hässliche Entlein als zukünftigen Schwan verehrte. Mit dem Erlahmen der Arbeiter bewegung in Westeuropa und dem Zusammen bruch des Sozialismus in Osteuropa ist das Portal, zu dem die Arbeiterkultur den Schlüs sel zu haben schien, erheblich ge schrumpft; und es ist wahr schein lich, dass die verbreitete Abkehr von der Arbei terkulturfor schung, ja eine gewisse Unlust zu Unterschich tenfor schung überhaupt mit diesem Presti geverlust ihres Gegenstands und damit auch seiner Erforscher zusammenhängen. Die Prüfung dieser These sollte sich mit der Absicht verbin den, das ethno graphische Interesse am tatsächlich oder schein bar Kleinen, Infe rioren, Unter schicht lichen ohne den Versuch seiner mytholo gisierenden Erhöhung weiterzuführen. Wir sollten uns selbstbewusst damit abfinden, dass eine solche Forschung nicht vom Abglanz ihrer Themen illumi niert wird, sondern ganz auf das eigene Licht angewiesen ist. Hoffen wir, dass dieser Kongress dazu beigetragen hat, unser aller Wattzahl zu erhöhen. 4 Bernd Jürgen Warneken hat einen ganz eigenen Ton in die Geschichte der Alltagskultur eingebracht. Seine Texte in diesem Buch reichen von der bürgerlichen Entdeckung und Formierung des Gehens im 18. Jahrhundert bis zu den Massenbewegungen im Umbruch der DDR seit 1989. Prägnante mikrologische Miniaturen leuchten mit genauem Blick auf Körper und Gangarten, auf Symbole, Stimmungen und Redeformen das Feld der popularen Kultur aus und stellen es in sozialhistorische Kontexte. Das ergibt eine »andere« Kulturgeschichte - ohne falsche Romantisierung des »Volkes«, mit Gespür für Vielschichtigkeit, Ambivalenzen und Übergänge, dabei stets bestimmt vom Wissen um Macht und Ohnmacht, Gewalt und Erleiden, soziale Hierarchien und die Sehnsucht nach einem besseren Leben
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