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Poetische Selbstbilder: Deutsch-jüdische und Jiddische Lyrikanthologien 1900–1938

معرفی کتاب «Poetische Selbstbilder: Deutsch-jüdische und Jiddische Lyrikanthologien 1900–1938» نوشتهٔ Reichert, Carmen، منتشرشده توسط نشر Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Company KG در سال 2019. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.

Anthologien haben zur Verbreitung dieses Bildes vonj üdischer Literatur einen wesentlichen Beitrag geleistet. Dass es vord er Katastrophe bereits deutschsprachige Anthologien mit jüdischem Thema gab und dass diese in enger Auseinandersetzung mit dem osteuropäischen Judentum entstanden, ist dagegen fast vergessen. In den Nachkriegsjahren sind es vorallem Überlebende der Schoah, die Anthologien nutzen,u mL ieder und Gedichte als Dokumented es Widerstandes, des Bewahrens vonMenschlichkeit und Lebenswillen zu erhalten und weiterzugeben. Johanna Spector, die als einzige ihrer Familie die Schoah überlebte, publizierte 1947 in Wien eine Sammlung lettischer und litauischer Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern. Im Vo rwort schreibt sie: Die vorliegende Sammlungvon Liedern soll ein historisches Dokument sein. Die Lieder sind weder textlich noch melodischv erbessert worden, ihnen ist nur eine einfache Begleitung mitgegeben.Sie erheben nicht den Anspruch, als Kunstwerke zu gelten. Die Nazi [sic] haben dafür gesorgt,daß die Juden in den Ghettos und KZ.-Lagern [sic] keine Künstler mehr besaßen, die Hochwertiges hätten schaffen können. Diese Lieder drücken lediglichdie Sangesfreude der jüdischen Volksmassen aus, die unter den härtesten Bedingungen nicht hat erstickt werden können. 2 Siegmund Kaznelsons Anthologie Jüdisches Schicksal in deutschen Gedichten,die er 1959 mit dem bitteren Untertitel Eine abschließende Anthologie veröffentlichte, geht in eine andere Richtung: Sie versucht, das Schicksal des jüdischen Vo lkes vonder Antike her bis in die unmittelbare Gegenwart begreifbar zu machen. Die jüngste deutsch-jüdische Geschichte erscheint dabei als Ende einer großen Epoche, die vora llem deshalb umfangreich ist, weil er die jiddische Literatur als ein aus dem Mittelhochdeutschen entstandenes und dem Hochdeutschen nahes "Idiom" (nicht: Sprache) mit aufnimmt. 3 Kaznelson schließt sein Vo rwort mit einer Erläuterung dieses Titels: Die Sammlungwird als ‚abschließend' bezeichnet, nicht nur weil sie eine tausendjährige Geschichtsperiode abschließt, sondern weil nach menschlichemE rmessen die deutschsprachige Dichtungj üdischenI nhalts mit unserer oder vielleicht mit der nächsten Generation zu Ende geht [sic].S oi st diese Anthologie ein Mahnruf, ein Vermächtnis der To ten an die Lebenden, des untergegangenen deutschen Judentums an die Überlebenden. 4 fasst, wie etwaimtschechischen Zentrum für Holocauststudienund jüdischeLiteratur: http:// cl.ff.cuni.cz/holokaust/en/about-us. Leserinnen und Leser kennen Lyrik vor allem aus Anthologien. „Jüdische Lyrik“ wird dabei meist mit der Dichtung von Shoah-Überlebenden assoziiert. Jüdische Herausgeber sammelten jedoch schon viel früher jüdische Dichtung. Den Anspruch, für eine Gruppe zu sprechen und damit ihr Bild in der Öffentlichkeit mitzubestimmen, machte die Gattung Anthologie nicht nur für literarisch Ambitionierte attraktiv, sondern auch für unterschiedliche politische Gruppen. Unter Titeln wie „Junge Harfen“ (1903), „Lyrische Dichtung deutscher Juden“ (1920) oder „Jüdische Volkslieder“ (1935) versuchten Kulturzionisten, eigenständige jüdische Dichtungstraditionen zu etablieren. Doch auch alternative kulturpolitische Konzepte wählen die Anthologie als Mittel, wie etwa in Julius Moses‘ Anthologie „Hebräische Melodien“ (1920), die das Jüdische über das Thema und nicht die Herkunft bestimmt. Einige jiddischsprachige Anthologien schlugen einen ähnlichen Weg ein: Sie versuchen, eine nationale jiddische Dichtung zu etablieren, indem sie auf die von Herder zurückgeführte Idee von in der Volksdichtung verwurzelten Nationalliteraturen setzen. Die Anthologie zeigt sich dabei nicht nur als Publikationsform, sondern auch als literarische Gattung mit einem dezidierten Bewusstsein über ihre Geschichte. Carmen Reichert zeigt, dass Anthologien nicht nur als einen zu Unrecht vernachlässigten Teil unserer Literaturgeschichte anzusehen sind– sondern auch als wichtige historische Dokumente einer um ihr kollektives Wesen und dessen Darstellung nach außen ringende Gemeinschaften Carmen Reichert zeigt, wie die deutsch-jüdische sowie jiddischsprachige Gemeinschaft im frühen 20. Jahrhundert um ihr kollektives Selbstverständnis ringen und darum, wie sie sich der Öffentlichkeit präsentieren können. Lyrikanthologien sind eine Möglichkeit, jüdische Selbstbilder nach innen und außen zu prägen. Während die jiddischen Herausgeber versuchten, eine Literatur auf Augenhöhe mit anderen europäischen Literaturen zu schaffen, nutzten im deutschen Sprachraum vor allem kulturzionistische Gruppen Anthologien, um eine eigenständige jüdische Tradition in Abgrenzung zur deutschen Literatur zu entwickeln Deutsch-jüdische und Jiddische Lyrikanthologien vermitteln konkurrierende Selbstbilder jüdischer Gemeinschaften Deutsch-jüdische und Jiddische Lyrikanthologien als Versuch kollektiver Selbstbilder nach innen und außen
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