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Musikalische Norm um 1700 (Fruhe Neuzeit, 149) (German Edition)

معرفی کتاب «Musikalische Norm um 1700 (Fruhe Neuzeit, 149) (German Edition)» نوشتهٔ Rainer Bayreuther (editor)، منتشرشده توسط نشر de Gruyter GmbH در سال 2010. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.

Regeln haben den Effekt, die Dynamik der Geschichte stillzustellen. In der Geschichte der Künste hat man seit je Kräfte namhaft gemacht, die die Regel durchbrechen: in der Antike die göttliche Inspiration; in der Renaissance das Ingenium, das ein Recht auf Lizenz von der Regel hat; in der Aufklärung das Genie, das sich selbst die Regel gibt. Diese Kräfte, so ein gängiges Narrativ der Geschichtsschreibung, bewirkten Fortschritt und historischen Wandel. Hebt man damit mehr auf die ruhige, kontinuierliche Entfaltung einer Epoche als auf die geschichtliche Dynamik ab, wenn man die Normen einer Kunst untersucht? Diese Frage liegt den Studien des vorliegenden Bands zugrunde, und sie ist mit Nein zu beantworten. Am historischen Ursprung der Neuformierung musikalischer Normativität in Frankreich ab Mitte des 17. Jahrhunderts wird noch von Regeln und Lizenzen gesprochen (Beitrag Christensen). Die Lizenzen kann sich der begabte Künstler aber nicht anarchisch herausnehmen. Vielmehr sind sie in eine andere und historisch wegweisende Normenstruktur eingebunden: in die Normen des guten Geschmacks (Christensen und Kremer), die Regeln, die aus der Erfahrung gewonnen werden (Bayreuther), die Regeln der emotionalen Wirksamkeit von Musik (Poetzsch) oder einfach in die Maxime, musikalisch so vielfältig und irregulär wie möglich zu handeln (Woyke). Damit wurden nicht einfach ältere musikalische Regeln durch neue ersetzt. Die Normativität von Musik änderte sich grundlegend. Dabei handelt es sich um keine spezifisch musikgeschichtliche Entwicklung. Sie weist in einen alle Bereiche der Kultur durchdringenden zeittypischen Diskurs über Normativität. Die Frage, welche Normen die Musik um 1700 prägten, kann daher nicht allein musikgeschichtlich beantwortet werden. Die Rechtsphilosophie der Zeit findet für diese historisch neue Normativität eine eigene Normenklasse, das ›decorum‹ (Aichele und Vec). Die neue Normativität setzt nicht mehr allein beim Verstand an, der die triebhaften Kräfte reguliert. Sie kalkuliert das affektive, sinnliche, vernünftige und soziale Vermögen des Menschen ein und muss daher pädagogisch anders vermittelt werden als die Regeln alten Schlags (Vollhardt). Der musikalische Stilwandel, den Zeitgenossen subtil registrierten und der mit polemischen Streitigkeiten über Inhalt und Geltung von Regeln einherging (ein Fallbeispiel bei Maul), ist bisher musikgeschichtlich unterbestimmt geblieben. Zum einen sind die Wege des Transfers zwischen den musikalischen Kulturen in Europa und die gattungsgeschichtlichen Zusammenhänge noch unklar. In Frankreich wurden zentrale Aspekte der neuen Normativität erstmals erörtert (Christensen). In Italien, wo die Oper des späten 17. Jahrhunderts seit langem als Motor des Stilwandels im Blick ist, ist es für das Verständnis des Wandels musikalischer Normativität unerlässlich, die Sujets und die Formenvielfalt der Libretti zu berücksichtigen (Woyke). Wie in Deutschland begann in England die Diskussion um neue Regelstrukturen erst nach 1700. Bemerkenswert ist, dass hier wie dort völlig neue Kategorien des Beurteilens von Musik \_\_\_\_\_\_\_\_\_\_ 60 Heinichen erwähnt 1711 namentlich nur Johann Adam Scherzer (1628-1683) und Daniel Georg Morhof (1639-1691), spricht aber auch von »andern braven Autoribus« (Anm. 39, S. 2). Vgl. Horns Anmerkungen zum intellektuellen Kontext dieser Namen (Anm. 38, Teil I, S. 36ff.). Heinichens Formulierung von der »studirenden Jugend« (ebd.), der diese Autoren in ihren Unterweisungen den scholastischen Ballast ersparten, alludiert aber klar auf: Christian Thomas eröffnet Der Studirenden Jugend zu Leipzig in einem Discours, Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle? (Anm. 11). Dass Heinichen, der ab 1702 in Leipzig das vormals just von Thomasius vertretene Fach Jura studierte, Thomasius nicht namentlich nennt, ist vielleicht eine Vorsichtsmaßnahme: Seit der Vertreibung vom Lehrstuhl 1690 war der Name brisant.

Seit der Antike galt die Musik als eine mathematische Kunst. Um 1700 beginnen die musikalischen Denker, sich an einer anderen Leitwissenschaft zu orientierten: dem Rechtsdenken der Zeit. Diesen Paradigmenwechsel lotet der Band in elf Beiträgen aus musikgeschichtlicher, literaturgeschichtlicher, philosophischer und rechtsgeschichtlicher Perspektive aus. Die musikalische Praxis des Komponierens, Spielens und Hörens bekommt einen neuen und stärkeren Stellenwert für die Musiktheorie. Kriterien der Zweckmäßigkeit, des Geschmacks und des Erfolgs bestimmen nun die musikalische Norm. Der Band zeigt auf, wie sich die Musiktheorie um 1700 an den neuen Wissensformen des galanten Diskurses, der Naturrechtsdebatten des gesellschaftlichen Modebewusstseins orientiert. Beleuchtet wird die Debatte in Deutschland, Frankreich und England. Die neue Form des musikalischen Wissens hat weitgehende Wechselwirkungen mit der musikalischen Praxis. Der neue musikalische Stil um 1700 wird fassbar als kompositorische Umsetzung eines gewandelten Verständnisses musikalischer Norm, die sich nicht mehr aus überzeitlichen musikalischen Gesetzmäßigkeiten speist, sondern den Wandel von musikalischem Empfinden und musikalischem Geschmack selbst als normatives Prinzip enthält.

Einleitung -- Perspektiven Des Normbegriffs Für Die Erforschung Der Musik Um 1700 / Rainer Bayreuther -- Galante Geltung. Normengebrauch Und Normenanwendung Bei Christian Thomasius / Alexander Aichele -- Rules, License And Tast In 17th-century French Music Theory : From Mersenne To Rameau / Thomas Christensen -- Musicus Ecclecticus - Überlegungen Zu Nachahmung, Norm Und Individualisierung Um 1700 / Wolfgang Hirschmann -- Humane Nature Und Musik Bei Roger North. Zum Ethischen Horizont Der Englischen Musikreflexion Um 1700 / Sebastian Klotz -- 'regel' Versus 'geschmack'. Die Kritik An Musikalischen Regeln Zwichen 1700 Und 1752 Als Paradigmenwechsel / Joachim Kremer -- Johann David Heinichen Und Der Musicalische Horribilicribifax. Überlegungen Zur Vorrede Von Heinichens Gründlicher Anweisung / Michael Maul -- Das Erwecken Von Allerhand Regungen In Telemanns Kirchemusik Und Die Fuge / Ute Poetzsch -- Die Normative Struktur Des Decorum. Über Den Einbruch Der Mode In Den Naturrechtsdiskurs Der Aufklärung / Miloš Vec -- Normvermittlung Bei Christian Thomasius / Friedrich Vollhardt -- 'varietas' - 'artifizialität' - 'irregolartià'. Unausgesprochene Norm In Venezianischen Opern Der 1660er Und 1670er Jahre / Saskia Maria Woyke. Herausgegeben Von Rainer Bayreuther. Contributions To A Conference Held In 2007 In Frankfurt. Includes Bibliographical References And Index. Ten German And One English Contributions. Perspektiven des Normbegriffs für die Erforschung der Musik um 1700 -- Rainer Bayreuther Galante Geltung. Normengebrauch und Normenanwendung bei Christian Thomasiu -- Alexander Aichele Rules, license and taste in 17th century French music theory: from Mersenne to Rameau -- Thomas Christense "Musicus ecclecticus" -- Überlegungen zu Nachahmung, Norm und Individualisierung um 1700 -- Wolfgang Hirschman "Humane Nature" und Musik bei Roger North. Zum ethischen Horizont der englischen Musikreflexion um 1700 -- Sebastian Klotz 'Regel' versus 'Geschmack'. Die Kritik an musikalischen Regeln zwischen 1700 und 1752 als Paradigmenwechsel -- Joachim Kremer Johann David Heinichen und der "Musicalische Horribilicribrifax". Überlegungen zur Vorrede von Heinichens Gründlicher Anweisung -- Michael Maul Das Erwecken von "allerhand Regungen" in Telemanns Kirchenmusik und die Fuge -- Ute Poetzsc Die normative Struktur des decorum. Über den Einbruch der Mode in den Naturrechtsdiskurs der Aufklärung -- Miloš Vec Normvermittlung bei Christian Thomasius -- Friedrich Vollhard 'Varietas' -- 'Artifizialität' -- 'Irregolarità'. Unausgesprochene Norm in venezianischen Opern der 1660er und 1670er Jahre -- Saskia Maria Woyk. Main description: This book explores the changes of style and knowledge about music around 1700 in eleven essays from musicology, literary studies, philosophy and legal history. The key to the change is a new understanding of the rules for composing, making music and listening. Music is no longer steered by fundamental natural musical laws, but rather orients itself, even normatively, toward trends, taste and situational circumstances
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