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Judenhass : Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart

معرفی کتاب «Judenhass : Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart» نوشتهٔ Eriksen, Trond Berg ;Harket, Hakon ;Lorenz, Einhart، منتشرشده توسط نشر Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Company KG در سال 2019. این کتاب در فرمت pdf، زبان آلمانی ارائه شده است.

Vorwort ## Vorwort Beinahe täglich ist in den Medien von Antisemitismus die Rede. Journalisten, Politiker und Forscher verwenden das Wort mit unterschiedlichem Inhalt und variierender Bedeutung. Vielfach wurde versucht, das Phänomen definitorisch in seiner gesamten Spannbreite von Bedeutungsunterschieden -von Vorurteilen und feindseligen Einstellungen bis hin zu Übergriffen und Völkermord -zu erfassen. Dabei ist die bevorzugte Definition ebenso abhängig vom Standpunkt und der fachlichen Herangehensweise der einzelnen Autoren wie von den behandelten Epochen, Regionen und Ländern, der eigenen Sensibilität sowie persönlichen Erlebnissen. »Hass, der Juden trifft, weil sie Juden sind«, ist eine einfache, seit Langem angewandte Definition. Weil Antisemitismus aber durch einen Hass gekennzeichnet ist, der auf eingebildeten, den Juden zugeschriebenen Eigenschaften beruht, wurde vorgeschlagen, das Wort Juden in Anführungszeichen zu setzen -unter anderem, um allgemeine theologische Kritik am Judentum oder politische Kritik am Staat Israel vor Antisemitismus-Anklagen zu schützen. Dabei handelt es sich um eine spitzfindige Nuance. Und vielleicht kann sie uns ein wenig klüger dahingehend machen, was den Antisemitismus mitten unter uns betrifft, so lange wir uns nicht einbilden, dass sie die Antisemiten klüger macht. Gerade diese Verwandlung von faktischen Juden in eingebildete »Juden« ist die antisemitische Glanznummer schlechthin: die Dämonisierung. Der Begriff »Antisemitismus« an sich fand erst Ende der 1870er Jahre allgemein Verbreitung. Obwohl der deutsche Journalist Wilhelm Marr keine genaue Definition des von ihm geprägten Wortes lieferte, breitete sich seine Verwendung in Deutschland, Österreich, Frankreich und vielen anderen Ländern Europas wie ein Lauffeuer aus. Innerhalb weniger Monate war der neue Begriff zu einem festen Bestandteil des täglichen Sprachgebrauchs geworden. Wer dachte, die Argumentation des Antisemitismus sei zu primitiv, um Glauben zu finden, musste erkennen, dass er mit dieser Annahme falsch lag. Bücher und Zeitschriften schossen wie Pilze aus dem Boden, Organi-»Judenfrage« weisen in erster Linie auf Probleme der Mehrheitsgesellschaft hin. Dieser Erkenntnis folgt, dass es keinen ewig währenden Judenhass gibt, sondern, dass der Antisemitismus immer ausgehend von der jeweils konkreten Gesellschaft sowie den jeweils konkreten Verhältnissen analysiert werden muss, unter denen er auftritt. Der alte Antisemitismus, der Rassismus und Nazismus huldigt und den Holocaust leugnet, ist leicht zu erkennen. Auch bestimmte Handlungen, wie die Schändung von Friedhöfen, das Beschmieren von Synagogen und jüdischen Geschäften sowie bösartige verbale Angriffe auf Juden auf offener Straße oder im Arbeitsleben, sind leicht als antisemitisch zu definieren. Andere Phänomene sind schwerer zu bewerten und stärker vom Kontext abhängig. Ein Jude kann selbstironisch einen Witz erzählen. Wird derselbe Witz von einem Mann erzählt, der Juden hasst, ist es nicht mehr dasselbe. Heutzutage versteckt sich Antisemitismus oft hinter anderen Argumenten. Gleichzeitig ist wichtig zu bedenken, dass nicht jeder Hass, der Juden trifft, Judenhass geschuldet ist. Es gibt viele Wege, sich dem Thema zu nähern. Philosophen und Historiker, Kultur-und Religionswissenschaftler, Soziologen und Psychologen, Politik-und Literaturwissenschaftler haben eine nahezu unüberschaubare Anzahl wertvoller Beiträge zur Antisemitismusforschung geleistet. Diese Forschung liegt unserer Darstellung zugrunde. Die von uns am meisten genutzten Arbeiten sind in den Endnoten sowie im Literaturverzeichnis benannt. Als Autoren dieses Buches unterscheiden wir uns in der Herangehensweise, jedoch verbindet uns der Wunsch, mit unserem jeweiligen fach lichen Hintergrund, Kenntnisse über den Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart zu vermitteln. Es sollte überflüssig sein zu erwähnen, dass die Darstellung in keiner Weise vollständig ist. Sie folgt einer Chronologie, mit den verschiedenen Ausbrüchen von Antisemitismus als Dreh-und Angelpunkt. Wir haben versucht, die Ereignisse im Licht des jeweiligen historischen, ideologischen und literarischen Kontextes darzustellen und zu deuten, sie kurz gesagt zu vermitteln. Abhängig vom Thema des jeweiligen Kapitels umfasst dieser Kontext in variierendem Grad auch die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft. Die Geschichte des europäischen Judenhasses ist zugleich auch eine düstere Erzählung über unseren historischen Umgang mit dem Anderen. Der Versuch der Nationalsozialisten, den Anderen auszurotten, hat unter Juden Antisemitismus und Rassismus TROND BERG ERIKSEN 1. Juden, Griechen und Römer: Ablehnung und Bewunderung Was ist »Antisemitismus«, und worum handelt es sich, wenn man ihn unter dem Blickwinkel der Geschichte betrachtet? Die Antwort darauf ist alles andere als einfach. Die gewählten Definitionen repräsentieren oft einen zentralen ideologischen Aspekt des Phänomens Judenhass. Einige schreiben breitgefächerte, nahezu allumfassende Darstellungen, deren Ziel es häufig ist, historische Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen -aller Unterschiede zum Trotz. Andere liefern enger gefasste Definitionen des Begriffs und setzen voraus, dass im Laufe der Zeit viele verschiedene Formen des Antisemitismus einander abgelöst haben. ## Antisemitismus und Rassismus Die Rekonstruktionen sind oft von dem jeweils aktuellen Ausgangspunkt gefärbt: Die Dreyfus-Affäre, der Rassismus der Zwischenkriegszeit, nationalromantische Fantasien von der »Volksseele« oder religiöse Kontroversen über Verwandte und Konkurrenten des Christentums haben zu verschiedenen Begriffen von »Antisemitismus« und somit zu verschiedenen Versionen der Geschichte geführt. 1 Liegt der Antisemitismus an den Juden oder am jeweiligen Umfeld? Die von uns untersuchten Geschehnisse weisen augenscheinlich sowohl reale machtpolitische als auch mehr imaginär mythologische Elemente auf. Dabei haben sich die Legenden als widerstandsfähiger erwiesen als die machtpolitischen Realitäten. Nicht derart, dass das eine veränderbar und das andere unveränderbar ist. Beide Aspekte haben sich von Generation zu Generation verändert. Voraussetzung für die real machtpolitischen wie auch für die mehr imaginär mythologischen Elemente war, dass die Juden als Kollektiv für all das verantwortlich gemacht wurden, was man an einzelnen Vertretern der Gruppe auszusetzen haben konnte. Gefühle und Wahrnehmungen aber auch maskieren. Als Historiker ist es notwendig, einen Blick dafür zu entwickeln, wann das eine beziehungsweise das andere zutrifft. Ein weiterer hermeneutischer Aspekt, der gern der Gegenwart entnommen und auf die Vergangenheit projiziert wird, ist das Verhältnis westlicher Kulturen zu den Anderen und den Fremden. Das Befremdliche im Verhältnis der modernen westlichen Zivilisation zu Randgruppen, Außenseitern und kolonialisierten Völkern haben Kritiker dieser Kultur, wie Frantz Fanon, Edward W. Said, Michel Foucault und Martin Bernal, in den vergangenen 60 Jahren hervorgehoben. Erfahrungen aus der Begegnung mit fremden Völkern in Amerika, Afrika und dem Osten haben bei vielen Autoren neuere Darstellungen der Geschichte des Antisemitismus gefärbt. Ebenso haben ideologische und kulturelle Gegensätze zwischen der muslimischen und der westlichen Welt auf die Deutung des Antisemitismus als Phänomen Einfluss gehabt. Auf der einen Seite zeigt die heutige Auseinandersetzung mit der muslimischen Welt, wie zentral das Thema im Verhältnis zum westlichen Selbstverständnis platziert werden kann. Auf der anderen Seite muss man aufpassen, nicht alles auf eine Erklärung zurückzuführen. Historische Erklärungen müssen in gewissem Maße immer einzigartig und spezifisch sein, weil jedes historische Ereignis etwas Einzigartiges und Spezifisches aufweist. Das bedeutet indessen nicht, dass es keine sinnvollen Übertragungen oder fruchtbaren Analogien von dem einen auf das andere Feld, von dem einen auf das andere Jahrhundert gibt. Die Debatte über den einzigartigen Charakter des Holocaust ist vom Standpunkt eines Historikers aus betrachtet hingegen vollkommen überflüssig. Selbstverständlich war das Ereignis einzigartig -wie alle historischen Ereignisse es sind. Das bedeutet nicht, dass das Ereignis nicht zur Geschichte gehört, sondern bekräftigt gerade, dass es das tut. Notwendige Bedingungen für ein spezifisches Geschehen können äußerst allgemein sein. Die hinreichenden Gründe jedoch sind besonders, speziell und in letzter Instanz nicht wiederholbar. Das gilt sowohl für die Ideologie als auch für die Ereignisse. Jede Generation und jede Situation drückt Fremdenhass in eigenständigen ideologischen Mustern aus. Auch dort, wo wir auf alte Wörter und wohlbekannte Bildmotive treffen, ist deren volle Bedeutung von der besonderen Situation und den aktuellen Nutzern abhängig. Es gibt somit keinen ewigen und ## Polytheismus und Monotheismus Der Gott der Juden wollte keinen anderen Gott neben sich haben -nicht weil er jüdisch war, sondern weil er der einzige war. Innerhalb des Polytheismus war die Bekehrung Ungläubiger vollkommen sinnlos. Man konnte sich nicht zu der griechischen oder der römischen Religion »bekehren«. Im Polytheismus konnte man sich über den Schutz der verschiedenen, lokalen Götter freuen, je nachdem, für welche Reiseroute man sich entschied und womit man sich beschäftigte. Innerhalb der polytheistischen Religion als Bezugssystem hatten alle ihre eigenen Vorstellungen und Praktiken. Den Gott des Monotheismus hat man immer bei sich, egal wo auf der Welt man sich befindet. Im Monotheismus teilen die Glaubensgenossen Vorstellungen in einer ganz anderen Weise. Dort gibt es eine rechte Lehre und entsprechend Ketzer. Es handelt sich also nicht nur um verschiedene Religionen, Polytheismus und Monotheismus sind vielmehr, wie bereits erwähnt, vollkommen verschiedene Religionstypen. Im Polytheismus kann der Kaiser ein Gott unter vielen anderen sein. Im Monotheismus kann der Kaiser nur göttlich sein, indem er sich zum Werkzeug macht und den Willen des einzigen Gottes praktiziert. Es ist ein zentrales Paradox des Monotheismus, dass er in der Beziehung zwischen den Gläubigen und einem nicht monotheistischen Umfeld isolierend wirkt, und dennoch -potenziellalle Menschen ohne Unterschied umfasst. Nach und nach hoben die Missionstätigkeit und die militärische Expansion dieses Paradox in der Praxis jedoch auf. Von Gott auserwählt TROND BERG ERIKSEN ## Der alte und der neue Bund Der prinzipielle Antisemitismus entstand mit dem Christentum, das die Forderung stellte, den alten Bund zu ersetzen. Der Begriff einer Kirche, wie er sich unter den Kirchenvätern entwickelte, trug sozusagen immer einen Stachel gegen jene in sich, die den lebendigen Heiland nicht erkannt hatten und die dadurch Gottes Wohlwollen verloren hatten. Der theologische Antisemitismus beschäftigte sich selten mit den »Christusmördern«, war jedoch umso stärker daran interessiert, dass das neue Gottesvolk, nämlich die christliche Gemeinde, das alte Gottesvolk letztlich zu Lügnern machte. 1 ## Von Gott auserwählt Jüdischer Auffassung nach war Israel das von Gott auserwählte Volk, weil es das Gesetz empfangen hatte. Die Vorstellung vom Auserwähltsein erzeugt eine Dichotomie im jüdischen Denken, die alle Aspekte des jüdischen Selbstverständnisses bestimmt. Auch die Christen verfügten in der Idee von der Kirche als dem neuen Bundesvolk über eine Lehre der Auserwählung, eine religiöse Mehrheit mit politischer Übermacht hat es jedoch nicht nötig, das Denken von diesem Bewusstsein dominieren zu lassen. Das Thema der Auserwählung der Juden wurde so stark hervorgehoben, weil die Juden über lange Zeiträume hinweg kaum etwas anderes hatten, auf das sie sich stützen konnten. Jüdische Theologen wehrten sich auch gegen die christliche Theologie und bestritten ausdrücklich und heftig, dass Jesus der Messias gewesen sein soll. Kein christliches Symbol stimmte die Juden verdrießlicher als das Bild von Christus am Kreuz. Einen Menschen zu Gott zu machen, so wie die Christen es getan hatten, stellte ihren monotheistischen Glauben fundamental in Frage. Jüdische Theologen kontrastierten besonders ab dem 10. Jahrhundert ihren bildlosen, reinen Glauben mit der christlichen Bilderverehrung. Das ## Das gelbe Stück Stoff seligen Lehrlings wurden später von der lokalen Kirche als Heiligenreliquien verehrt. Derartige Kulte entstanden an mehreren Orten Europas rund um die Gräber christlicher Jungen, die angeblich von Juden getötet worden waren. 1473 wurde in Trentino in Tirol die Leiche eines Jungen gefunden. Zwei Jahre später wurden neun Juden als angebliche Täter für den Mord an ihm hingerichtet. Eine komplette jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht. Unter Folter hatten sie die Untat gestanden. Der Junge bekam eine eigene Kapelle und wurde 1582 offiziell zum Heiligen ernannt, nachdem an seinem Grab angeblich mehrere Wunder geschehen waren. In Italien waren es allen voran die Franziskaner, die diesen Glauben verbreiteten. Im Fall des kleinen Simon von Trient waren viele der treibenden Kräfte Humanisten, die sich im Prozess auf Tacitus als Zeugen der Wahrheit über die Juden beriefen. Im 13. Jahrhundert nahmen die Ritualmordbeschuldigungen immens zu und die Gerichtsverfahren endeten so blutig, dass sowohl Kaiser Friedrich II. (1236) als auch Papst Innozenz IV. (1247) die Angelegenheiten gründlich untersuchen ließen und ihren Untertanen verboten, derartige Gerüchte zu verbreiten. 4 Häufig spielten ökonomische Motive eine wichtige Rolle. So konnten die christlichen Ankläger die Juden loswerden, von denen sie Geld geliehen hatten. Später kam es auch nicht selten vor, dass christliche Kinder versteckt wurden und Juden mit der Androhung, wegen Mordes an den Kindern angeklagt zu werden, erpresst wurden. Die Praxis wurde dermaßen üblich, dass Papst Gregor X. im Jahr 1272 eine eigene Bulle verfasste, in der er diese bizarre Geschäftsidee verurteilte. ## Das gelbe Stück Stoff Im 13. Jahrhundert wurde es in mehreren europäischen Ländern üblich, Juden durch bestimmte Kleidung oder Stofffetzen zu kennzeichnen. Einen diesbezüglichen Beschluss fasste 1215 das Vierte Laterankonzil. Papst Innozenz III. wünschte, dass der Unterschied zwischen Christen, Muslimen und Juden ersichtlich war, sodass jeder wusste, welchen Gefahren er sich aussetzte. Solche Vorschriften fanden sich auch schon im mosaischen Gesetz. Darin war die Kennzeichnung jedoch positiv als eine sichtbare Auszeichnung derer gedacht, die dem Bundesvolk angehörten. In der Sichtweise des Papstes war der Sinn jedoch ein anderer. Für die bedrängte Minderheit wurde die Auszeichnung allerdings ein aufgezwungener Schandfleck. Dasselbe Konzil forderte, dass sich Juden in der Osterwoche ausschließlich in ihren Häusern aufhalten sollten. Ihnen wurde streng verboten, sich in Festkleidern zu zeigen, während die Christen die Leiden des Heilands betrauerten. Letztlich zeigen solche Verordnungen, wie weit die Assimilation sowohl ethnisch als auch sozial geglückt war. Dass es notwendig wurde, die Juden mit gelben Stoffstücken auszustatten, bedeutete, dass Unterschiede zwischen Juden und Christen ansonsten nicht sichtbar waren. Beide Gruppen sprachen zudem dieselbe Sprache. Deshalb war eine Kennzeichnung notwendig. Die Bestimmungen galten nicht nur für Juden, sondern auch für Muslime. Später erhielten auch Ketzer, Aussätzige und Prostituierte eigene Kennzeichen, um vor ihnen zu warnen. In Frankreich war das Juden-Abzeichen anfangs gelb und rund. Ab 1361 war es rot und weiß. Die Behörden verkauften solche Stoffstücke für teures Geld. Auf diese Weise erlegten sie den Randgruppen eine Extrasteuer auf. In Deutschland, Österreich und Polen mussten die Juden spezielle Hüte tragen. Im 13. und 14. Jahrhundert verschärfte eine Reihe von Konzilen sowohl in Frankreich als auch in Zentraleuropa diese Regelungen noch. Natürlich missfiel den Trägern die aufgezwungene Kennzeichnung. Dem Tragen des Judenflecks oder Judenhutes konnten sie jedoch entgehen, wenn sie zum Christentum übertraten. Das Symbol markierte im Prinzip also eine religiöse und nicht eine ethnische Zugehörigkeit. Illuminatoren und Maler des 14. Jahrhunderts stellten daher auch Juden aus dem Alten und dem Neuen Testament mit den zeitgenössischen Kennzeichnungen dar. ## Öffentliche Auseinandersetzungen Die starken Aggressionen zwischen den Gruppen erschwerten eine Begegnung auf Augenhöhe. In den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums hatte man im Rahmen theologischer Dispute die jeweiligen Vorzüge des Judentums und des christlichen Glaubens diskutiert. Auch im Mittelalter gab es solche großen, öffentlichen Diskussionen zwischen bedeutenden Vertretern der beiden Religionen. Aber die Dämonisierung von Juden sowie die Ausrottungskriege gegen die Albigenser und Waldenser beendeten theoretische Diskussionen. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtete der Dominikanerorden die Inquisition. Diese verkörperte die Drei Religionen -viele Fronten TROND BERG ERIKSEN ## Die Juden in Spanien Das mittelalterliche Spanien bot für die drei biblischen Religionen einen interessanten Treffpunkt. 1 Es wurden mehrere regelrechte Disputationen zwischen Repräsentanten des Judentums, des Christentums und des Islam arrangiert. Ähnliche Veranstaltungen organisierte der Staufer Friedrich II. in Sizilien, was ebenfalls ein Begegnungsort vieler Kulturen war. Die intellektuellen Kontakte positiven Charakters waren jedoch machtlos gegenüber der Fremdenangst, die bei konkreten Anlässen aufblühte. Das sephardische Judentum erhielt eine klare kulturelle Eigenart. ## Drei Religionen -viele Fronten Juden aus Nordafrika und dem Mittleren Osten hatten eine vollkommen andere Geschichte als die europäischen. Fruchtbar ist die Verwendung der Bezeichnung »Antisemitismus« eigentlich nur auf europäischem Boden. Die Juden waren schon sehr früh in die nordafrikanischen Städte sowie nach Spanien gekommen. In der Polemik mit den Christen wurde oft gesagt, dass die spanischen Juden nichts mit der Kreuzigung Christi zu tun hattendenn als dies geschah, waren ihre Vorfahren längst in Spanien sesshaft geworden. Die Juden Toledos und Barcelonas erhoben den Anspruch, direkt von König David abzustammen. Schließlich setzte bereits Paulus (Röm 15,24-28) voraus, dass es in Spanien eine jüdische Kolonie gab. Schwieriger war es, sich gegen eine andere Anschuldigung zu schützen. Bei der Besetzung der spanischen Halbinsel durch die Muslime sollen die Juden mit jenen zusammengearbeitet haben. Sowohl Navarra, León als auch Galicien hielten zunächst als christliche Fürstentümer stand. Die Juden sollen dem muslimischen General Tarik 711 geholfen haben, nach Toledoder westgotischen Hauptstadt -zu gelangen. Da Juden generell viel besser mit Muslimen als mit Christen auskamen, fiel es den Christen leicht, Juden und Muslime als Alliierte zu betrachten. Äußerst selten erlebten Juden in Das Kunststück der Toleranz Die Toleranz förderte Ordnung und Harmonie in einem christlichen Land mit großen jüdischen und muslimischen Minderheiten. Vorläufig war diese Toleranz zweckmäßig. Alle hatten Vorteile davon. Einer verbreiteten Auffassung zufolge verehrten Christen und Juden denselben Gott -auch wenn beide Parteien Einwände gegen die Überzeugungen und kultischen Gewohnheiten der anderen hatten. Der Festkalender und die Sabbatfeier der Juden wurden als Gottesdienste anerkannt und hatten somit Anspruch auf Schutz. Die Konversion vom Islam zum Judentum oder Christentum und umgekehrt war teilweise verboten und mit strengen Strafen belegt. Auf diese Weise hielt man die Balance zwischen den Machtsphären der drei Religionen. Die Könige des Hochmittelalters sicherten ihre Macht durch ständige Auseinandersetzungen mit dem Adel. In diesen Kämpfen brauchten sie Verbündete. Das Bürgertum war noch immer relativ klein und machtlos. Juden hingegen verfügten über eine auf der Wirtschaft und ihrem Wissen gründende Machtbasis, der sich die Fürsten und Könige gern bedienten. Bis zum 15. Jahrhundert widmeten sich die Juden in Spanien auch dem Handwerk in allen Formen. Sie stellten zwischen einem Viertel und einem Fünftel der städtischen Bevölkerung und konnten sich somit auch in eigenen Zünften organisieren. In den christlichen Ländern, in denen der Anteil an Juden geringer war, waren die Zünfte und somit das Handwerk Christen vorbehalten. In Spanien hingegen erfüllten Juden alle erdenklichen Funktionen -vor allem in der jungen Stadtkultur. Nur dort, wo sie nicht den Boden beackern oder ein Handwerk ausüben konnten, wurden sie in den Geld-und Tauschhandel hinüber geschoben. Aber selbst dort, wo die Verleihtätigkeit zu einer wichtigen Einnahmequelle für Juden wurde, betrieben nur äußerst wenige diese in großem Stil. Der Großteil führte bescheidene Unternehmen. Während sich der König um die praktischen Notwendigkeiten kümmerte, bewahrte die Kirche die religiösen Grundlinien. Seitens der Kirche gab es einen beständigen Strom an Warnungen vor dem Umgang mit Juden und einer Auflösung der Unterschiede zwischen den Religionen. Besonders das Vierte Laterankonzil im Jahr 1215 formalisierte die Segregation als offizielle Politik der Kirche. Diese war jedoch bereits seit drei Jahrhunderten über weniger offizielle, kirchliche Kanäle gefordert worden. Dass solche Anordnungen und Verbote ständig wiederholt und eingeschärft wurden, kann nichts anderes bedeuten, als dass Juden und Christen als Nachbarn Die Grausamkeiten der Inquisition Die Inquisitoren waren jedoch auch königliche Beamte, und als Männer des Königs folgten sie dem Rat des Papstes nicht immer. Allein in Sevilla wurden innerhalb von sieben Jahren 700 Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein wesentlicher Teil davon waren Juden, die ihren Glauben im Geheimen praktiziert hatten oder dessen verdächtigt wurden. Da es aber auch Juden gab, denen das Recht zugestanden wurde, ihre Religion zu praktizieren, waren die Übergriffe auf diejenigen, die insgeheim dem jüdischen Glauben weiter folgten, in doppeltem Sinne absurd. Die Vermögen der Verurteilten wurden zum Vorteil der Krone konfisziert, was den heuchlerischen religiösen Eifer der Könige und ihrer Helfer nicht minderte. Die Kirche lieferte die ideologische Rückendeckung, auch wenn sich eine Reihe von Päpsten und Bischöfen ausdrücklich davon distanzierte. Mehrere der bestialischsten und sadistischsten Verfolger wurden später zu offiziellen Heiligen der Kirche, wie Vincent Ferrer und Pedro de Arbués. Auch mehrere der Kinder, die am Karfreitag angeblich von Judenbanden ermordet worden waren, wurden zu Heiligen. Seitens der Kirche gab es also keinen eindeutigen prinzipiellen Widerstand gegen diesen Unfug. Im Januar 1492 gliederten König Ferdinand und Königin Isabella Granada nach Spanien ein und feierten die vollständige Rückeroberung der Halbinsel damit, dass sie alle Juden vertrieben. Diese bekamen vier Monate, um das Land zu verlassen und ihren gesamten Besitz zu verkaufen, jedoch wurde ihnen verboten, Geld mit außer Landes zu nehmen. Diejenigen, die sich taufen ließen, durften bis auf Weiteres bleiben. Berechnungen zufolge gingen etwa 150.000 Juden ins Exil -vor allem nach Portugal -, während etwa 50.000 sich taufen ließen. Diejenigen, die in Portugal landeten, bekamen acht Monate, um dann jenes Land zu verlassen. Nach Ablauf dieses Zeitraums begann der König, sie als Sklaven zu verkaufen. 1497 wurden Kinder ihren Eltern entrissen und zwangsgetauft. Hintergrund war die Heirat von König Manuel I. mit einer spanischen Prinzessin und der damit verbundene, von der Kirche regulierte Ehevertrag, der voraussetzte, dass auch aus Portugal alle Juden verschwanden. Der moralisch verdorbene spanische Papst Alexander VI. Borgia -Vater von Lucrezia und Cesare -versuchte, gegen gute Bezahlung, die Juden in Portugal zu schützen. Ihr Schicksal war jedoch besiegelt. Einige erlangten vorübergehend das Privileg, weiterhin als Juden leben zu können, wenn sie sich nur taufen ließen! 1536 wurden jedoch auch in Portugal endgültig spanische Zustände eingeführt. Abbildungsverzeichnis ## Abbildungsverzeichnis Autoren und Verlag danken für die Überlassung von Bildvorlagen und die Erteilung von Publikationsgenehmigungen. Trotz sorgfältiger Recherchen ist es nicht in allen Fällen gelungen, die Rechteinhaber aller Abbildungen zu ermitteln. Autoren und Verlag bitten gegebenenfalls um Mitteilung.
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